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rbbonline | Berlinale 2010


Ein Gespräch am Merchandise-Stand der Berlinale im vergangenen Jahr: "Ausverkauft? Wirklich keine mehr da?" Der junge Mann schaut ungläubig, doch die Verkäuferin kann nur entschuldigend lächeln: "Tut mir leid, aber wir haben keine mehr." Die Rede ist von der Berlinale-Tasche, dem heimlichen Star der Filmfestspiele.
Der Träger gehört dazu
Wer sich einmal einen Tag an den roten Teppich der Berlinale gestellt hat, der weiß, dass die Bezeichnung als "heimlicher Star" nicht zu hoch gegriffen ist: Kaum jemand anderes hat den Teppich so oft überquert. Hundertfach baumelt sie an Handgelenken, hängt lässig über der Schulter oder locker über den Rücken geschnallt – und signalisiert: Der Träger der Tasche gehört dazu, ist Teil des Berlinale-Zirkusses. An den Premierenstars wurde sie zwar noch nicht gesichtet, aber das mag daran liegen, dass sich Schultertaschen einfach nicht gut zu Abendroben und feinen Anzügen machen.
Obwohl die Berlinale-Tasche natürlich etwas von ihrer Exklusivität eingebüßt hat: Seit 2006 wird sie nämlich nicht nur an die akkreditierten Teilnehmer der Filmfestspiele wie Journalisten oder Filmteams gegeben, sondern eben auch im Merchandising-Shop verkauft – und das anscheinend mit Erfolg, denn das gute Stück ist oft als erstes Souvenir ausverkauft. 2009 war das bereits fünf Tage vor Ende der Filmfestspiele der Fall. "Die Tasche war einfach der Renner", so die nette Verkäuferin des Shops. Ganz Verzweifelte versuchten ihr Glück im Internet - tatsächlich gab es zu diesem Zeitpunkt schon die ersten Exemplare bei Ebay.
Unterscheidungsmerkmal Tasche
Doch was macht die Tasche eigentlich so begehrenswert? 2009 war sie rot, nicht ganz so feuerwehrrot wie im Jahr davor, sondern mehr ins Bläulich-Rote changierend. Das mag belanglos klingen, doch man ist erstaunt, wie viele Gespräche sich um die Gestaltung der Tasche drehen. "Dieses Jahr finde ich sie ganz schick." "Ach, ich wünsche mir das Schwarz der Vergangenheit zurück." "Erinnert ihr euch an 2006? Als die Tasche aus Plastik war und so bestialisch gestunken hat?" Solche und ähnliche Wortfetzen schnappt man jedes Mal auf dem Festivalgelände auf – das Stück Stoff bietet Gesprächsstoff und die Gelegenheit, zu zeigen, dass man ja schon seit Jahren die Berlinale und damit ihre Taschen verfolgt. Höhere Weihen erreicht, wer nicht nur über die Taschen der Vergangenheit spricht, sondern solche Relikte sein Eigen nennt: Denn eine Tasche der aktuellen Berlinale kaufen kann jeder (so sie denn nicht ausverkauft ist), eine Tasche aus dem Vorjahr, dem Vorvorjahr oder noch besser dem Vorvorvorvorvorjahr kennzeichnet dagegen den wahren Experten.
Doch nicht nur der Jahrgang entscheidet, auch die Füllung spricht Bände: Hüpft die Tasche leichtfüßig auf und ab, ist sie wahrscheinlich nicht wirklich bepackt – ein schlechtes Zeichen, denn der wahre Berlinale-Fan und Kenner hat sich die Tasche mit Trinkflasche, kleinen Snacks und natürlich den unzähligen Programmankündigungen und Prospekten vollgeladen. Solche Experten erkennt man am schleppenden Gang, den das Bleigewicht um die Schulter verursacht.
Nicht nur Fans
Trotzdem man die Berlinale-Tasche während der Filmfestspiele ständig sieht, hat sie nicht nur Fans – ganz im Gegenteil. Gerade im Internet wird heiß diskutiert, ob es nicht sogar total uncool ist, solch eine Tasche sein eigen nennen zu dürfen. "Die tragen doch nur Möchtegern-Cineasten!" "Viel zu überteuert" und "Einfach nur peinlich, damit rumzulaufen" lauten etwa Kommentare in entsprechenden Foren. Die Kritiker gehören wahrscheinlich zu den Menschen, die sich bei einem Konzert auch nie ein Bandshirt kaufen würden. Schade eigentlich – denn die Tasche ist ja nicht nur praktisch, sondern auch eine bleibende Erinnerung an elf Tage voller Filme, Stars und eben Berlinale-Atmosphäre.
Doch was ist nun mit all jenen Unglücklichen, die keine der begehrten Taschen mehr ergattert haben? Wie etwa der eingangs erwähnte junge Mann? Der kaufte als Alternative einen Berlinale-Kofferanhänger – eigentlich eine hübsche Idee, lässt sich damit doch jede Tasche zur Berlinale-Tasche aufmotzen.
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/themen/dossiers/berlinale/berlinale/teaser/auf_den_spuren.html